Schwabing: Geschichte
Die Anfänge Schwabings
Suuapinga ‒ Schwabing ‒ wurde erstmals 782 urkundlich erwähnt, ist also älter als München. Die Bezeichnung Suuapinga oder Swapinga deutet einen Schwaben mit seinen Leuten hin. Der Ort bestand schließlich aus ein paar Höfen zwischen der heutigen Leopoldstraße und dem Schwabinger Bach auf Höhe der → Münchner Freiheit. Vom 9. bis 13. Jahrhundert war Schwabing ein Herrensitz des Geschlechts de Suabingen, die in einer kleinen Burg nordöstlich der heutigen Kreuzung Occam-/Haimhauserstraße residierten.
Die Dorfkirche Schwabings wurde 1315 urkundlich erwähnt, aber wahrscheinlich verfügte Schwabing bereits um 800 über eine Kirche an diesem Ort. Die ältesten Teile des heutigen Sakralbaus stammen aus der Zeit um 1200. Die romanische Kirche St. Ursula (heute: St. Sylvester) wurde um 1300 im gotischen Stil erweitert und 1654 bis 1664 barockisiert.
18./19. Jahrhundert
1735 wurde ein Choralist namens Adam Erminger (um 1698 – 1776) erster Schulmeister in Schwabing. Die unter Aufsicht der Kirche stehende Schule befand sich in einem Raum des Mesnerhauses. Ein zweites Schulzimmer kam erst 1824 dazu.
Eine Badehütte gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Schwabing. Das Grundstück gehörte Johann Baptist Correvont. Daraus machte der Ingenieur August Ungerer (1860 – 1921) in den Achtzigerjahren ein parkähnliches Freibad und nahm 1886 auch gleich die erste elektrische Straßenbahn in München – die dritte in Deutschland – in Betrieb, um den Gästen die Anfahrt zu ermöglichen. Sie fuhr neun Jahre lang. 1911 schenkte August Ungerer das »Ungerer Bad« am Biedersteiner Kanal der Stadt München.
Ludwig Petuel sen. (1839 – 1911), der von 1870 bis 1875 als Bürgermeister von Schwabing amtiert hatte, nahm 1877 am heute »Münchner Freiheit« genannten Platz seine »Schwabinger Brauerei« in Betrieb – und ließ dort 1888 eine elektrische Beleuchtung installieren.
Im Jahr darauf führte der Bauunternehmer Alois Ansprenger (1853 – 1913), der 1883 zum Bürgermeister von Schwabing gewählt worden war, die elektrische Straßenbeleuchtung in Schwabing ein – ein Jahr nach Bad Tölz, aber noch vor München und Berlin. Installiert wurde sie von den Brüdern Jakob Einstein (1850 – 1912) und Hermann Einstein (1847 – 1902), deren Neffe Albert Einstein weltberühmt werden sollte.
Eingemeindung
Schwabing wurde 1887 zur Stadt mit eigenem Wappen erhoben und drei Jahre später von München eingemeindet. Die südliche Grenze der Stadt Schwabing verlief auf Höhe der Hohenzollernstraße, wurde aber bei der Eingemeindung bis zur Georgenstraße verschoben. Die entlang der heutigen Domagkstraße verlaufende Grenze zwischen den Gemeinden Schwabing und Freimann wurde zugleich zur Außenlinie des Burgfriedens – bis Freimann 1931 ebenfalls zu München kam. (Heute wird der → Domagkpark Schwabing-Nord zugerechnet, obwohl das Areal ursprünglich zu Freimann zählte.)
Allein in den letzten fünf Jahren des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung Schwabings um 44 Prozent auf mehr als 28.000 Einwohner (1900) an. Ab 1890 entstand auf landwirtschaftlichen Nutzflächen zwischen Clemens-, Leopold-, Georgen- und Winzererstraße ein Baugebiet. Arbeit fanden die Bewohner beispielsweise in der → Lederfabrik Hesselberger am Biederstein (heute: Isarring) oder in der → Lokomotivfabrik Maffei bzw. der Wollwarenfabrik Frey (Loden-Frey) nördlich des → Kleinhesseloher Sees. Schwabing-West, das inzwischen ebenso viele Einwohner hatte wie ganz Schwabing zehn Jahre zuvor, wurde 1909 als XXVI. Stadtbezirk vom restlichen Schwabing separiert.
»Wahnmoching«
Parallel zum Bevölkerungsanstieg machte Schwabing in der Prinzregenten-Ära als Bohème-Viertel von sich reden. Eine von Kunst und Literatur geprägte Subkultur lehnte sich gegen Materialismus, Konformitätsdruck und Spießbürgertum auf.
Um 1900 suchten Kunstschaffende in München nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten nicht nur in der Kunst, sondern auch bei der Gestaltung von Möbeln, Zier-und Gebrauchsgegenständen. Sie überdachten zugleich ihre Lebensführung. Zu den Vordenkern gehörte Hermann Obrist (1862 – 1927), der 1887 in England und Schottland die Arts and Crafts Movement erlebt hatte. 1895 zog er nach München und ließ sich nach eigenen Entwürfen von August Exter und Alfred Pinagel eine Jugendstilvilla in der Karl-Theodor-Straße in Schwabing bauen. Bernhard Pankok und Richard Riemenschneider gestalteten die Inneneinrichtung. (Die Villa Obrist wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.)
1895 kam auch Albert Langen (1869 – 1909) nach München, richtete sich in der Kaulbachstraße ein und veröffentlichte noch im selben Jahr die Tragödie »Erdgeist« von Frank Wedekind. Im Jahr darauf erschien in seinem Verlag das erste Heft der Wochenzeitschrift »Simplicissimus«. Sie war zunächst als illustrierte Literaturrevue nach dem Vorbild des »Gil Blas Illustré« gedacht, entwickelte sich dann aber zu einem gegen Spießbürger, Kirchen und wilhelminische Politik gerichteten Satireblatt, während aus den Illustrationen bissige Karikaturen wurden. Parallel dazu löste die legendäre zähnefletschende Bulldoge das Bild einer mit der Schwanzspitze des Teufels malenden Dame ab. Die Wirtin Kathi Kobus (1854 – 1929) durfte ihr Künstlerlokal in der Türkenstraße 1903 »Simplicissismus« (kurz »Simpl«) nennen und die Bulldogge als Logo verwenden. Zu den Stammgästen gehörten Olaf Gulbransson, Ludwig Thoma, Frank Wedekind und viele andere aus dem Umfeld der Satirezeitschrift.
Nachdem der wegen »Majestätsbeleidigung« verurteilte, aber 1903 begnadigte Verleger aus fünfjährigem Exil zurückkehren hatte können, gründete er 1907 mit Ludwig Thoma und Hermann Hesse die linksliberale Halbmonats-Zeitschrift »Der März«.
Franziska (»Fanny«) Gräfin von Reventlow (1871 – 1918), die für Albert Langens Verlag von 1897 bis 1910 mehr als vierzig Bücher aus dem Französischen übersetzt hatte, prägte mit ihrem 1913 veröffentlichen Schlüsselroman »Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil« die Bezeichnung »Wahnmoching« für Schwabing.
Auch der 1911 entstandene »Blaue Reiter« ist mit Schwabing verbunden: Franz Marc hatte sein erstes Atelier in der Kaulbachstraße, Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky wohnten in der Giselastraße, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in der Ainmillerstraße.
1917 wurde »Der März« eingestellt, und der »Simplicissimus«, der sich für die Abschaffung der Monarchie engagiert hatte, verlor mit der Entstehung der Weimarer Republik die wichtigsten Angriffsziele.
Weltkrieg und NS-Regime
Der Erste Weltkrieg, spätestens aber die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendeten die Bohème in Schwabing. Das NS-Regime duldete keine Andersdenkenden, keine Subkultur, die für Freiheit und Toleranz eintrat.
1938 ordnete der Gauleiter Adolf Wagner (1890 – 1944) die Schließung des Antonienheims an, das der Verein »Israelitische Jugendhilfe« 1925 an der Antonienstraße 7 in Schwabing gegründet hatte. Die Heimleiterin konnte zunächst einen Aufschub bewirken, doch im November 1941 begannen die Nationalsozialisten, Kinder und Erzieherinnen zu deportieren, und im Frühjahr 1942 wurde das Heim endgültig geschlossen. Die verbliebenen Kinder und Betreuerinnen transportierte man ebenfalls in die Vernichtungslager in Polen und Litauen. Das Gebäude an der Antonienstraße wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. In der Nähe erinnert ein von Hermann Kleinknecht gestaltetes Mahnmal ans Antonienheim.
Schwabinger Krawalle
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schwabing zu einem Ort des Nachtlebens, Szene-Viertel und Zentrum der Jugend- und Protestkultur.
Zu heftigen Straßenkämpfen zwischen Jugendlichen und Polizei kam es in der Nacht zum 21. Juni 1962 in Schwabing: zuerst an der Ecke Leopold-/Martiusstraße, dann auf dem → Wedekind-Platz versuchten Polizisten, das Gitarrenspiel von fünf Straßenmusikern zu beenden und drei von ihnen festzunehmen. Umstehende wollten sie daran hindern. Am nächsten Tag eskalierte die Lage in der Leopoldstraße. Die Polizisten ‒ einige beritten ‒ schlugen mit Gummiknüppeln zu; die Demonstranten verbarrikadierten sich hinter umgestürzten Autos, warfen mit Steinen und Flaschen. Fünf Nächte lang hielten die »Schwabinger Krawalle« an. Dutzende von Menschen wurden verletzt, vierzehn davon schwer. Das zwang die Polizei zum Umdenken, und sie entwickelte daraufhin neue deeskalierende Vorgehensweisen (»Münchner Linie«).
Der Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel meinte zu den Schwabinger Krawallen: »[…] schon ein unartikulierter Protest gegen die Wohlstandsgesellschaft und das Wirtschaftswunder […]. Überspitzt könnte man es einen Aufstand der Individualität gegen die Straßenverkehrsordnung nennen […]. Ja, vielleicht wird man später einmal sagen, in Schwabing habe zum ersten Mal die humane Stadt gegen die ökonomische Stadt rebelliert.« (zit. nach »München Schwabing im Wandel der Zeit«, S. 92)
Die antiautoritären Schwabinger Krawalle waren Symptome eines Generationenkonflikts, der sich dann in der Bundesrepublik zur gesellschaftskritischen Studentenbewegung (»Unter den Talaren: Muff von 1000 Jahren«) und »Außerparlamentarischen Opposition« (APO) entwickelte. Diese gehörten wiederum in den Kontext einer in den westlichen Ländern verbreiteten Bewegung nicht nur speziell gegen den Vietnam-Krieg, sondern generell für Freiheit und Selbstbestimmung. Als am Gründonnerstag 1968 Rudi Dutschke in Berlin niedergeschossen wurde, entlud sich die Wut der Bewegung gegen die Springer-Presse und es brachen erneut Straßenschlachten aus. Bei den »Osterunruhen« kamen in München der Pressefotograf Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck ums Leben.
»Könige Schwabings«
Anuschirwan (»Anusch«) Samy (1935 – 1970) und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Timur Samy, die bereits seit 1963 mit 50 roten Renault R4, so genannten »Mini Cars«, den Münchner Taxiunternehmen Konkurrenz machten, eröffneten 1967 den ersten »Beatschuppen« in Deutschland, das »Drugstore« in der Feilitzschstraße am → Wedekindplatz. Noch im selben Jahr richteten die Söhne einer Mutter aus Oldenburg und eines Immigranten aus dem Iran am → Elisabethplatz das »Blow Up« ein, die erste Großdiskothek Deutschlands für bis zu 2000 Gäste. 1969 folgten das Wirtshaus »Brez’n« an der Leopoldstraße 72 und mit »Città 2000« ein neuartiges Vergnügungs- und Einkaufszentrum an der Ecke Leopold-/Giselastraße. Die Medien bezeichneten die Samy-Brüder als »Könige Schwabings«. Doch im März 1970 kam Anusch Samy bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – und damit brach alles zusammen: 1972 schloss das »Blow up«, elf Jahre später auch »Città 2000«, und Timur Samy soll 2004 verarmt in Spanien gestorben sein.
Schwabing heute
In den Achtzigerjahren stiegen Haidhausen und vor allem das → Glockenbachviertel in der Isarvorstadt zu Szenevierteln auf und liefen Schwabing den Rang ab.
Seit 1992 bilden der 1909 separierte westliche Teil von Schwabing den Münchner Stadtbezirk 4 (Schwabing-West) und der Rest zusammen mit Freimann den Stadtbezirk 12 (Schwabing-Freimann).
Literatur:
. Reinhard Bauer, Thomas Jacobi, Kathrin Schirmer: München Schwabing im Wandel der Zeit (München 2019)
. Gernot Brauer: München Schwabing. Ein Zustand (München 2010)
. Ilse Macek (Hg.): ausgegrenzt – entrechtet – deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933 bis 1945 (München 2008)
. Edda und Michael Neumann-Adrian: Münchens Lust am Jugendstil. Häuser und Menschen um 1900 (München 20093)
. Michael Stephan und Willibald Karl: Schwabing. Zeitreise ins alte München (München 2014)
