Kunsthalle München
Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Die 1985 eröffnete Kunsthalle München ist die bedeutendste Einrichtung der 1983 gegründeten Hypo-Kulturstiftung. Seit 2001 befindet sie sich in den Fünf Höfen (Theatinerstraße 8) im Kreuzviertel der Altstadt. Die Kunsthalle besitzt keine eigene Kunstsammlung, sondern organisiert Wechselausstellungen. Sie gehört zu den renommiertesten Ausstellungshäusern in Deutschland.
Viktor & Rolf: »Fashion Statements«
Vom 23. Februar bis 6. Oktober 2024 stellte die Kunsthalle bei der von Thierry-Maxime Loriot kuratierten ersten Retrospektive von Viktor & Rolf rund hundert Kreationen der beiden niederländischen Designer aus.
Viktor Horsting (*1969) und Rolf Snoeren (*1969) lernten sich 1988 an der ArtEZ University of the Arts kennen und arbeiten seit dem Studienabschluss als »Viktor & Rolf« zusammen, indem sie die Grenze zwischen Kunst und Couture verschieben. Künstler oder Modeschöpfer? Sie wollen beides sein: »Fashion Artists«. Ihre ersten Kollektionen waren nicht auf dem Laufsteg zu sehen, sondern in Galerien und Museen. Erst ab 1998 präsentierten Viktor & Rolf Haute-Couture-Kollektionen – und nachdem sie sich bereits in der Welt der Kunst einen Namen gemacht hatten, fanden sie nun auch in der Modewelt Anerkennung. Madonna, Lady Gaga, Tilda Swinton und andere Prominente trugen Kleider von ihnen, aber auch für Oper und Ballett entwarfen sie Kleider. 1993 beteiligten sich Viktor & Rolf mit »Fragemente von Kleidern« erstmals am Salon Européen des Jeunes Stylistes in Hyères – und erhielten alle drei ersten Preise.
Im Vestibül der Kunsthalle München traf man auf ein »upside down« getragenes Kleid aus der Haute-Couture-Kollektion »Late Stage Capitalism Waltz« vom Frühjahr/Sommer 2023.

Mehr dazu im Album Kunsthalle München (privat)
Jugendstil. Made in Munich
Vom 25. Oktober 2024 bis 23. März 2025 präsentierte die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Münchner Stadtmuseum die von Bodo Sperlein gestaltete Ausstellung »Jugendstil. Made in Munich«.
Um 1900 suchten Kunstschaffende in München nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten nicht nur in der Kunst, sondern auch bei der Gestaltung von Möbeln, Zier-und Gebrauchsgegenständen. Sie überdachten zugleich ihre Lebensführung.
Zu den Vordenkern gehörte Hermann Obrist (1862 – 1927), der 1887 in England und Schottland die Arts and Crafts Movement erlebt hatte. 1895 zog er nach München und ließ sich nach eigenen Entwürfen von August Exter und Alfred Pinagel eine Jugendstilvilla in der Karl-Theodor-Straße (damals 24, heute 48) bauen. Bernhard Pankok und Richard Riemenschneider gestalteten die Inneneinrichtung. (Die Villa Obrist wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.)
1898 regten Hermann Obrist, Bernhard Pankok und Richard Riemerschmied die Gründung der »Vereinigten Werkstätten für Kunst und Handwerk« in der Maxvorstadt an. Vier Jahre später eröffnete er mit dem Maler Wilhelm von Debschitz die »Lehr- und Versuchs-Atelier für angewandte und freie Kunst« (»Debschitzschule«) in Schwabing, eine Ausbildungsstätte für Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, die als Vorläufer des Bauhauses gilt.
Der Titel der 1896 von Georg Hirth gegründeten Zeitschrift »Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben« wurde zur Bezeichnung der neuen Strömung bzw. kunstgeschichtliche Epoche am Fin de Siècle, zwischen Historismus und Moderner Kunst. München und Darmstadt waren die Zentren des Jugendstils in Deutschland.
Atelier Elvira
Anita Augspurg (1857 – 1943) und Sophia Goudstikker (1865 – 1924) zogen 1886 von Dresden in das liberalere München, ließen sich dort zu Fotografinnen ausbilden und eröffneten im Jahr darauf das Atelier Elvira in der Von-der-Tann-Straße 15. 1897 beauftragte das Paar den Grafiker, Kunstschriftsteller und Innenarchitekt August Endell (1871 – 1925) mit einem Neubau, den dieser 1898 realisierte. An der meergrünen Fassade brachte der junge Bildhauer und Stukkateur Josef Hartwig (1880 – 1956) ein von August Endell entworfenes 13×7 Meter großes Relief an, das zu einer Ikone des Jugendstils wurde.
Bald nach der Fertigstellung des Hauses verließ Anita Augspurg ihre Lebensgefährtin, und die königlich-bayerische Hof-Photographin (seit 1894) Sophia Goudstikker führte das Atelier Elvira in München allein weiter, bis sie es 1908 verpachtete, um sich stärker in der Frauenbewegung engagieren zu können. Die Nationalsozialisten ließen das Jugendstil-Ornament 1937 abschlagen. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus, und die Ruine wurde 1951 abgerissen, um Platz für den Bau des Generalkonsulats der USA zu schaffen.
In einem der Ausstellungsräume in der Kunsthalle München wurde der Stuck an der grünen Fassade des Ateliers Elvira nachgebildet.


Exponate
Hermann Gradl der Ältere (1869 ‒ 1934) entwarf um 1899/1900 ein Fisch-Service und den Wandbrunnen mit Fischen, der von Villeroy & Boch in Mettlach und der Orivit-Metallfabrik in Köln hergestellt wurde. Auch die 1900 von der Orivit-Metallfabrik in Köln angefertigte Schauplatte mit Frauenkopf und Blütendekor stammt von ihm.

In einem Bereich der Ausstellung in der Kunsthalle waren Werke von Hermann Obrist und Ludwig Vierthaler zu sehen, darunter eine 1897 von Hermann Obrist entworfene, von Johann Zugschwerdt und Reinholf Kirsch geschaffene Eichentruhe.



Der Zeichner, Bildhauer und Designer Hermann Obrist (1862 – 1927) ließ sich 1895 in der Karl-Theodor-Straße (damals 28, heute 48) von August Exter und Alfred Pinagel nach eigenen Entwürfen eine Villa bauen. Der Maler, Grafiker, Architekt und Designer Bernhard Pankok (1872 ‒ 1943) entwarf für die Villa Obrist Möbel, die 1899 von den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk in München angefertigt wurden, darunter eine Lehnenbank, ein Vitrinen- und ein Pfeilerschrank. Der Kleiderschrank (links) wurde drei Jahre später ebenfalls von den Vereinigten Werkstätten nach Entwürfen von Bernhard Pankok angefertigt, war jedoch nicht für die Villa Obrist gedacht.




Bernhard Pankok: Lehnenbank
Nach Entwürfen von Hermann Obrist stickte die Kunsthandwerkerin Berthe Ruchet (1855 ‒ 1932) den »Wandbehang mit Feuerlilien« (1898) und den Bettüberwurf (um 1895). Auch das in Gips ausgeführte »Modell Bewegung« stammt von Hermann Obrist.



Hermann Obrist entwarf auch den »Wandbehang mit Alpenveilchen«, der auch unter den Namen »Peitschenhieb« bekannt ist. Gestickt wurde dieses wichtige Werk des Jugendstils ebenso wie der Wandbehang und der Bettüberwurf von der Kunsthandwerkerin Berthe Ruchet.

Die von Cosmas Leyrer (1858 ‒ 1936) vor 1901 in Bronze gegossene Diana auf einer Hirschkuh wurde von → Georg Wrba (1872 ‒ 1939) geformt. → Franz von Stuck (1863 ‒ 1928) entwarf 1897 die einen Speer schleudernde Amazone, die Cosmas Leyrer 1903 in Bronze goss.
Georg Wrba: Diana / Franz von Stuck: Amazone
Die Gürtelschließe wurde um 1901 angefertigt, die Brosche um 1910 nach einem Entwurf von dem Münchner Goldschmied Karl Rothmüller (1860 – 1930).
Gürtelschließe / Karl Rothmüller: Brosche
Als sich Kronprinz Wilhelm (1882 ‒ 1951) 1904 mit Herzogin Cecilie zu Mecklenburg (1886 ‒ 1954) verlobte, gab der preußische Städtetag ein silbernes Tafelservice als Hochzeitsgeschenk in Auftrag: 50 Gedecke, insgesamt 2694 Teile. Künstler wie Fritz Klimsch, Hugo Lederer, Constantin Starck, August Vogel und Ernst Wenck machten sich ans Werk. Einige der silbernen Tafelaufsätze (Kronprinzensilber) stammen von Ignatius Taschner (1871 ‒ 1913), so auch »Der Handel« (Merkur auf Kamel; Entwurf 1910/11).

Ignatius Taschner: Gürtelschließe / Theodor Heiden: Brosche
Der Illustrator, Bildhauer und Autor Walter von Ruckteschell (1882 ‒ 1941) porträtierte 1910 seine spätere Ehefrau, die Keramikerin Clara Truëb (1882 – 1969).

Der Künstler und Sozialreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851 – 1913), ein Vorkämpfer der Freikörperkultur und der Friedensbewegung, malte 1906 »Du sollst nicht töten«.
Der Farbholzschnitt »Der Kuss« stammt von dem Architekten, Maler und Designer Peter Behrens (1868 ‒ 1940).
Ernst Fuchs – ein Künstler, dessen Lebensdaten nicht bekannt sind – schuf 1906 den Faun aus Gips.



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»Digital by Nature. Die Kunst von Miguel Chevalier«
Von 12. September 2025 bis 1. März 2026 zeigte die Kunsthalle München die bislang größte Einzelausstellung von Miguel Chevalier in Europa: »Digital by Nature. Die Kunst von Miguel Chevalier« (Kuratorin: Franziska Stöhr). Zu erleben waren mehr als 100 Werke, darunter einige generative und zugleich interaktive Großformatprojektionen.
Miguel Chevalier wurde 1959 in Mexiko-Stadt geboren. 1968 zog die Familie nach Madrid, und von 1978 bis 1983 studierte Miguel Chevalier in Paris Kunst an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Kunst und Archäologie an der Sorbonne, Design an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs und Art Plastique an der University Paris 1 Panthéon-Sorbonne Center Saint Charles. Seine erste Videoinstallation schuf er 1982. Mit seinem experimentellen Werk aus hybriden, generativen und interaktiven Bildern gilt Miguel Chevalier als Pionier der digitalen und virtuellen Kunst. Er kreiiert aus unromantischen Nullen und Einsen eine farbenprächtige Formenvielfalt und versetzt sie in unaufhörliche Bewegung. So erzeugen nüchterne Algorithmen intensive sinnliche Erlebnisse.
Claude Monet habe ihn inspiriert, erklärt Miguel Chevalier, und er selbst sei ein »digitaler Impressionist«.
Bei seiner immersiven Darstellung mit Pixeln statt Pinseln erzeugen Algorithmen ein sich ständig veränderndes Universum, und Besucherinnen und Besucher wirken darauf mit ihren Bewegungen wie eine Art digitaler Pinsel ein. Jeder Augenblick ist singulär, denn aufgrund der unendlichen Variations- und Kombinationsmöglichkeiten ist nicht damit zu rechnen, dass sich ein Bild wiederholt.
Mit »Complex Meshes« begann Miguel Chevalier 2015. Die Installation spiegelt das unsichtbare Netz aus Algorithmen und Protokollen, Datenströmen und Funksignalen, das die ganze Welt durchzieht und Menschen und Maschinen verbindet. Bewegungen von Besucherinnen und Besuchern beeinflussen das Bild, und es stellt sich die Frage: Was macht es mit uns, wenn wir uns im WWW bewegen?
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Haar – Macht – Lust
Vom 20. März bis 4. Oktober 2026 präsentiert die Kunsthalle München die von Juliane Au und Roger Diederen kuratierte Ausstellung »Haar – Macht – Lust«. Zu sehen sind rund 200 Exponate vom Altertum bis zur Gegenwart: Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos und mehr. Nicht nur das Kopfhaar ist Thema, sondern auch Bärte und Körperbehaarung.
In der Bibel symbolisiert die Samsons Haarfülle Kraft. Im Volksglauben und bei okkulten Riten kam dem menschlichen Haar eine besondere Bedeutung zu. Liebende schenkten sich Haarlocken. Aber auch Trauerschmuck wurde aus dem Kopfhaar Verstorbener gestaltet. Und Frauenhaar wird nicht nur in muslimischen Gesellschaften als verführerisch wahrgenommen.
Perücken sind in Ägypten bereits seit der 1. Dynastie bezeugt (um 3100 – 2900 vC). Wegen der hohen Kosten waren sie den Reichsten vorbehalten. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte haben Perücken bzw. Frisuren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht signalisiert. Die Haartracht folgt Standes-, Rollen- und Geschlechter-Normen – oder rebelliert dagegen. In der Selbstinszenierung spielt die Frisur eine große Rolle.
Fotos: April 2026



Bacchische Maske, frühes 1. Jh., Bronze
Porträtbüste einer Römerin, um 80, Marmor
Gabriel Mälesskircher (ca 1425 – 1495): Hl. Onuphrius, um 1470, Öltempera auf Nadelholz
Giogrio Vasari (1511 – 1574): Toilette der Venus, 1558, Öl auf Pappelholz
Sandro Botticelli (1445 – 1510): Profilbildnis einer jungen Frau, um 1475/80, Öl auf Pappelholz
Jacob Ferdinand Voet (1639 – 1689): Porträt einer Frau, Öl auf Leinwand
Bartolomé Esteban Murillo (1618 – 1682): Häusliche Toilette, um 1655/1660, Öl auf Leinwand
Michel van Mierevelt (1567 – 1641): Elisabeth Stuart, um 1623, Öl auf Eichenholz
Bemerkenswert ist der Ohrring aus geflochtenem Haar, den Elisabeth Stuart (1596 – 1662) trägt. 1613 heiratete die Prinzessin von England und Schottland den calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (1596 – 1632). An seiner Seite wurde sie 1619 Königin von Böhmen, und im Jahr darauf musste sie mit dem »Winterkönig« ins niederländische Exil.



Philipp Jakob Scheffauer (1756 – 1808): Elisabeth Friederike Zahn, um 1795/1800, Gips
Jean-Antoine Houdon (1741 – 1828): Voltaire, 1778, Gips

Steingutfabrik zu Damm, Aschaffenburg: »Die hohe Frisur«, 1840 – 1880, nach einem von Carl Ries um 1780 für die Höchster Porzellanmanufaktur gefertigten Original
Bertel Thorvaldsen (1770 – 1844): Kronprinz Ludwig von Bayern, 1821, Bronze / Jean-Pierre Dantan (1800 – 1869): Karikatur von Franz Liszt, 1836, Gips



Ernst Julius Hähnel (1811 – 1891): Gottfried Wilhelm Leibniz, 1881 – 1883, Modellbüste aus Gips
Antoine Bourdelle (1861 – 1929): Beethoven mit wildem Haar, 1891, Bronze
Die nach der Totenmaske von Friedrich Nietzsche geformte Porträtbüste schuf Ernst Julius Hähnel im Auftrag des Kunstsammlers Harry Graf Kessler (1868 – 1937).
Haarbilder bzw. Haararbeiten, also Bilder, bei deren Gestaltung (auch) menschliches Haar verwendet wurde, kannte man vor allem im 19. Jahrhundert in Mittel- und Nordeuropa.
Salvador Viniegra y Lasso de la Vega (1862 – 1915): Der erste Kuss, 1891, Öl auf Leinwand
Arnold Böcklin (1827 – 1901): Schlafende Nymphe, von zwei Faunen beobachtet, 1884, Öl auf Holz
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Mit freundlicher Erlaubnis der Kunsthalle München (offizielle Website)
Die Kunsthalle München hat mir die Veröffentlichung von Fotos aus den Räumen erlaubt (Hausrecht). Weil jedoch bei den Kunstwerken außerdem das Urheberrecht zu beachten ist, kann ich hier nur einen kleinen Teil meiner Bilder zeigen.
Komplettes Album über die Kunsthalle München (privat)





















