München: Bürgersaal
Gründungs- und Baugeschichte
1610 gilt als Gründungsjahr der Marianischen Männerkongregation »Mariä Verkündigung« in München. In diesem Jahr schickten die Sodalen das Protokoll der ersten ordentlichen Wahl eines Magistrats nach Rom, und der Generalobere des Jesuitenordens bestätigte daraufhin die Aufnahme in die 1584 von Papst Gregor XIII. mit der Bulle »Omnipotentis Dei« anerkannte Hauptkongregation.
Nachdem die Marianische Männerkongregation »Mariä Verkündigung« einen Neubau ihres Kongregationssaals in München beschlossen und einen Bauplatz erworben hatten, realisierte der Polier Johann Georg Ettenhofer das Vorhaben 1709/10 nach Plänen von Giovanni Antonio Viscardi*. So entstand der »Bürgersaal«. Die Kirchweihe fand erst 1778 statt.
*) Mehr zu Giovanni Antonio Viscardi im Album über Architekten
Kaufvertrag von 1709 / Bestätigungsurkunde von 1610 (Fotos: Januar 2026)
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bürgersaal bis auf die barocke Hauptfassade und die ursprünglich als Druckerei genutzte »Unterkirche« zerstört. In den Fünfzigerjahren erfolgte die Rekonstruktion nach historischen Kupferstichen.
Über dem Hauptportal fällt eine vom Bildhauer Franz Ableithner (1652 – 1728) gestaltete Madonna mit Kind auf, die aber leider hinter einem Glasfenster nicht gut zu sehen ist.

Unterkirche


In der Unterkirche sind 14 Kreuzweg-Gruppen aus Lindenholz zu sehen, die Hans Sprenger 1892 bis 1898 nach Modellen von Joseph Elsner geschaffen hat.




Oberkirche
Das Innere der Oberkirche, das in der Regel nur für Messen und Veranstaltungen geöffnet ist, wurde von Johann Andreas Wolff (1652 – 1716) entworfen. Franz Joachim Beich (1665 – 1748) malte die Darstellungen von altbayrischen Wallfahrtsstätten an den Seitenwänden. Die Deckenfresken wurden 1971 bis 1973 von Hermann Kaspar rekonstruiert.
Die zerstörte Stuckdecke des Bürgersaals wurde nach dem Krieg rekonstruiert, und Hermann Kaspar (1904 – 1986) malte Anfang der Siebzigerjahre die drei Deckenfresken.



Das 1710 vom Tiroler Bildhauer Andreas Faistenberger (1646 – 1735) geschaffene Hochaltarrelief über Mariä Verkündigung überdauerte auch den Zweiten Weltkrieg. Darunter steht nun ein nach dem Zweiten Weltkrieg aus erhaltenen Teilen zusammengefügter Altar mit vier um 1768 vom Goldschmied Joseph Friedrich Canzler in München nach Modellen von Ignaz Günther geschaffenen Silberbüsten, die Josef von Nazareth, Johannes den Täufer, Johannes den Evangelisten und Marias Vater Joachim darstellen.
Bürgersaal: Altar (Fotos: Juli 2025)



1763 schuf Ignaz Günther (1725 – 1775) die Rokoko-Gruppe eines Schutzengels, eines Kindes und einer Schlange für die → Karmelitenkirche in München, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachte man das Kunstwerk in den Bürgersaal. ‒ An jeder der beiden Treppen zum eigentlichen Bürgersaal befindet sich eine Schutzmantel-Madonna.



Augustinerkindl
Im Mittelalter schenkte man Novizinnen zum Trost für den Verzicht auf eigene Kinder an Weihnachten ein kostbar gekleidetes Jesuskind aus Wachs (Fatschenkind).
Einer Legende zufolge ließ ein Augustiner in München das ihm anvertraute Fatschenkind versehentlich fallen und versteckte daraufhin die Bruchstücke. Kurz vor dem folgenden Weihnachtsfest beichtete er dem Prior, was geschehen war. Doch als sie nachschauten, lag das Jesuskind unbeschädigt im Schrank.
Dieses »Augustinerkindl« ist ab 1634 im Augustinerkloster nachweisbar. Nach der Säkularisierung (1803) übernahmen die Elisabetherinnen das Augustinerkindl, aber 1817 sorgte Ludwig I. – damals noch als Kronprinz – dafür, dass sie es der Marianischen Männerkongregation übergaben. Im Bürgersaal wird es in einer Glasvitrine aufbewahrt, und zur Weihnachtszeit verehren es die Gläubigen in den Augustinerkindl-Andachten.



Im 18. und 19. Jahrhundert wurden immer wieder Kopien des Augustinerkindls hergestellt, so auch das mit einer Authentik des Präses Franz Xaver Schilling München aus dem Jahr 1824 versehene Fatschenkind.

Pater Rupert Mayer
Der Jesuit Rupert Mayer (1876 – 1945) wurde 1921 von Kardinal Michael von Faulhaber zum Präses der Marianischen Männerkongregation in München ernannt. Unter dem NS-Regime verteidigte er die Religionsfreiheit. Weil er 1937 ein Redeverbot missachtete, wurde er wegen »Kanzelmissbrauchs« verurteilt, aber nach Protesten der Kirche und der Bevölkerung frei gelassen. Die ersten vier Monate des folgenden Jahres verbrachte Rupert Mayer erneut in Haft. Im November 1939 nahmen die Nationalsozialisten den Regimegegner zum dritten Mal fest, sperrten ihn zunächst im KZ Sachsenhausen ein und internierten ihn dann im Kloster Ettal. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam er wieder frei. Ein halbes Jahr später starb er. 1987 wurde Rupert Mayer seliggesprochen.
Pater Rupert Mayer und seine Schreibmaschine (Fotos: Januar 2026)
Museum für Pater Rupert Mayer
Die Marianische Männerkongregation richtete 2008 bzw. 2013 in zwei Phasen ein Museum im Bürgersaal ein. Es ist Pater Rupert Mayer und der Geschichte der kirchlichen Vereinigung gewidmet.



Die Madonna mit der Weintraube wurde 1615 von Hans Degler für die Franziskanerkirche Ingolstadt geschaffen.
Die Marianische Männerkongregation erwarb die Figur 2013.
(Fotos: Januar 2026)










